Wann haben wir aufgehört, uns Briefe zu schreiben?

Gestern las ich handgeschriebene Zeilen auf einem Blatt Papier in meiner Hand. Ich hielt dieses federleichte, dünne Blatt zwischen meinen Fingern, größer und lebendiger als jedes Smartphone. Darauf die Worte von jemanden, den ich ganz oft lese. Aber niemals so. Für gewöhnlich finde ich seine Sätze im Posteingang, nicht im Briefkasten. Ich staune lange über die von Hand zusammen gesetzten Worte, die sorgfältige Formatierung, die geschwungene Unterschrift, die lustige Zeichnung daneben. Wann haben wir aufgehört, uns soviel Zeit für jemanden zu nehmen, wenn wir ihm etwas schreiben möchten? Wann haben wir begonnen, lebendiges Papier durch flüchtige Screens zu ersetzen? Warum schreiben wir uns keine Briefe mehr?

Als ich ein Kind war, hatte man Brieffreunde. Natürlich nicht jeder, aber viele von uns. Oft waren das Menschen, die man persönlich nicht kannte – man schrieb sich einfach nur. Manchmal waren es auch Leute, die man selten sah. Oder solche, die man im Urlaub kennenlernte und dann blieb man schriftlich in Kontakt. Ich hortete in meinem Kinderzimmer kleine Mäppchen mit Briefpapier. Die einzelnen Seiten waren oft bunt verziert an den Rändern, dazu gab es Kuverts, die einzelne Elmente vom Design aufnahmen. Wer gäbe heute für sowas sein Taschengeld aus?
Meine Brief damals – ich war etwa 8 oder 9 – las die NSA noch nicht mit. Aber viel schlimmer: Mama las sie. Sie suchte nach Rechtschreibfehlern, die ich dann brav ausbesserte. Vielleicht wollte ich dann irgendwann nicht mehr und ließ meine Brieffreundschaften deshalb einschlafen. Wie auch immer. Chats, E-Mails und SMS kamen dann ein paar Jahre später. Der Dolchstoß fürs Briefschreiben.

Das gestern, das war ein Deja-vu. Mir fiel plötzlich wieder ein, was das schönste am Briefschreiben war: nämlich, einen zu bekommen. Den Briefkasten aufmachen und da liegt ein Kuvert mit dem eigenen Namen drin. Eins der großen Dinge oder?
Insgeheim glaub ich ja, das Onlineshopping auch deshalb ein so großer Erfolg ist. Weil die Menschen so gerne Post bekommen. Ein kleines Weihnachten, immer wenn der Postbote klingelt.

Jedenfalls habe ich einen Entschluss gefasst.
Schluss mit Aufhören. Ich fange wieder damit an. Ich werde mir Briefpapier besorgen, einen guten Stift und einen Brief Schreiben. Das wird the next big thing.

3 Gedanken zu “Wann haben wir aufgehört, uns Briefe zu schreiben?

  1. Vielleicht hat die Werbung ja zur Abwechslung mal doch recht, und wenns wirklich wichtig ist, dann lieber mit der Post?
    (Dankeschön auf jeden Fall. Und Bitteschön. 😉 Ich wär auch sofort wieder dabei beim Briefe schreiben, statt eMails, SMS, oder Signals. Und man vergesse mir die [Brief]Marken nicht. Eine Welt für sich.)

    Gefällt mir

  2. Guten Morgen,

    ich habe gerade deinen Beitrag gelesen und bin ein bisschen in die Vergangenheit gereist. Ich hatte früher einige Brieffreunde und hab mich immer total gefreut, wenn ein Brief im Postkasten gelandet ist. Eine alte Brieffreundin habe ich sogar über die Jahre wieder auf Facebook gefunden. Mittlerweile ist aber alles anders und man ist zwar befreundet, aber von der großen Harmonie ist nicht mehr so viel zu spüren. Klar, es sind ja auch schon über 20 Jahre her. Die Briefe haben wir früher immer ganz liebevoll mit Stickern verziert 🙂

    In der Schule haben wir uns übrigens auch immer Briefe geschrieben und zwar in so Büchern und die haben wir dann immer ausgetauscht. Am liebsten hab ich das mit Nina gemacht und mit ihr bin ich heute noch sehr, sehr gut befreundet und sie ist im Oktober 2015 die Co-Bloggerin von Fräulein Musters Welt geworden.

    Ab und an schreibe ich jetzt sogar noch einen Brief und zwar an befreundete Blogger oder unsere Verwandten in Deutschland, aber auch das ist viel seltener geworden seitdem es E-Mails und Co gibt. Dennoch ist es schöner und persönlicher einen Brief in den Händen zu halten.

    Dein Beitrag hat mich inspiriert und ich muss auch wieder mehr per Hand schreiben und so mehr Leben und Persönlichkeit einhauchen.

    Wünsch dir einen tollen Tag,
    Heike

    Gefällt mir

    1. Liebe Heike,
      Wie schön dass ich dich auf eine Reise in die Vergangenheit mitnehmen konnte! Oh ja, in der Schule haben wir Freundinnen uns auch immer Briefe hin und her geschoben. Ganz geheim unter der Stunde. Das whatsapp der 90er.
      Gehe jetzt mal deinen Blog anschauen, LG
      Leni

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s