11. Oktober: Internationaler Mädchentag

Verglichen mit vielen anderen Ländern, ist Mädchensein in Österreich ein Honiglecken. Wir werden nicht zwangsverheiratet, wir dürfen wählen gehen und Auto fahren, wir gehen zur Schule. Wenn ich über einen Internationalen Mädchentag schreibe, fühlt sich das an wie Fingerzeigen auf hohem Niveau. Ich werde trotzdem darüber schreiben. Weil es notwendig ist. Leider.

Vorweg:
Ich bin die, die als Kind Momo-Kassetten hörte, Erich Moser und Pippi Langstrumpf las. Ich bin die, die nie eine Barbie wollte und die einzige, die sie je bekam im Kanal versenkte.
Ich bin die, deren Papa ihr mal eine Säge schenkte, mal Lippenstift und mal ein Skateboard.
Die, die mit blutigen Knien und dreckigen Hosen heimkam.
Die, die sich erst ganz spät damit anfreunden konnte, in einem Kleid zu stecken.
Ich bin die, für die das ganz normal war und die lange nicht wusste wie besonders das war.

Das Besondere an meiner Erziehung war, dass mich meine Eltern nicht als Bub erziehen wollten, weil sie Feministinnen sind, sie haben mich als Menschen erzogen weil sie klug sind. Ich konnte mir zu jeder Zeit aussuchen in welche Rolle ich schlüpfen wollte. Ob ich nun Sachen tat, die man eher Jungs zutrauen würde oder solche, die als weiblich galten – mein Wert als Mensch hat sich nie geändert.
Zumindest im familiären Umfeld nicht.
Je größer der Aktionsradius eines kleinen Mädchens wird, desto mehr bekommt sie zu spüren, dass es da draußen eine gewisse Erwartungshaltung gibt.
Die Gesellschaft glaubt zu wissen, wie du deine Haare tragen sollst (wehe, wenn kurz),
welche Berufe du einschlagen musst,
welche Outfits feminin sind und dass du irgendwann mal Kinder bekommen sollst und und und.

Ich denke, es braucht zwei Dinge, um als Mädchen gesund aufzuwachsen.
Einerseits. Vom Elternhaus richtig erzogen werden. Nicht als Mädchen oder Junge, sondern als Mensch.
Andererseits. In einer Gesellschaft leben zu können, die ebenso wertfrei denkt. Und die bitte nicht an alten Rollenbildern hängt, wie ein Säugling an der Mutterbrust.

Wenn ich sehe, was heute abgeht, denk ich mir: Wann sind wir denn bitte 10 Schritte zurückgegangen? Warum sind die Helden in Kinderbüchern vorrangig männlich? Und die Frauen manchmal sogar nur die Putzfrauen (Ritter Rost und Burgfräulein Bö)? Warum tragen Mädchen heute schon als Kleinkinder Röhrenjeans? So slimfit, dass man damit kaum noch Radfahren kann? Und wieso gibt es rosarote Überraschungseier und blaue – als müsse man tunlichst verhindert, dass ein Mädchen mit einem Auto spielt? Klar, die Industrie gibt uns da ganz schön viel vor, damit wir Geschlechter weiterhin schön in Rollen pressen. Aber Bitteschön, wir spielen da artig mit.

Als Ausgleich tragen wir dann T-Shirts mit feministischen Texten, mit denen wir auf Instagram posieren. Halt, Stopp, Schluss, ich höre an dieser Stelle auf. Es geht hier nicht um erwachsene Frauen, es geht um Mädchen. Also Kinder. Und die sollen, wenn ich mir was wünschen darf, als Menschen aufwachsen.

In diesem Sinne: Schönen Mädchentag!

*Sorry, dieser Artikel war eine Zeit lang verschwunden. Hatte ihn unabsichtlich gelöscht und musste ihn mühsam rekonstruieren. 

Welt-Mädchentag-AEC-wird-pink
Das AEC in Linz setzt ein Zeichen zum Welt-Mädchentag © Plan/Reinthaler Doris

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