Gratiskindergarten adé

Diesen Artikel habe ich vor gut einem Monat geschrieben. Ich war aufgebracht und schrieb mir das von der Seele. Die Diskussion ist immer noch aktuell. Im Kindergarten liegt gerade eine Unterschriftenliste dagegen auf. Langes Blabla, kurzer Sinn: Ich habe mich entschlossen den Text nun zu veröffentlichen. 

Ich stehe politischen Verordnungen oft mit traditionell-österreichischer Gemütlichkeit gegenüber. Will heißen: Ich reg mich nicht großartig darüber auf. Diesmal kann ich nicht anders. Weil dieses Gesetz, wenn es denn wirklich so kommt, diskriminierend ist.

Ab 1. Februar werden wir hier in Oberösterreich für die Nachmittagsbetreuung im Kindergarten (ab 13.00 Uhr) zahlen müssen. Warum? Weil das Land sparen muss, sagt es. Aber warum spart es bei Familien? Und warum zahlen nicht alle gleichberechtigt? Auch die, die vor 13.00 Uhr in den Kindergarten gehen? Die nutzen die pädagogisch wertvolle Betreuung und das außenfamiliäre Bildungsangebot ja auch, oder?

Als das ganze Thema aufkam, jaulten die Leute in den sozialen Netzwerken gleich auf „Ja, wenn man seine Kinder abschiebt und von früh morgens bis spät abends fremdbetreuen lässt, soll das kosten.“ Oder: „Jedes Jahr Urlaub fahren ist drin, aber bei dem bisschen Geld für die Betreuung einen Aufstand machen …“ Boah. Ich konnte gar nicht so viel essen wie ich kotzen wollte. So naiv, diese Kommentare. So unreflektiert dahingesagt.
Aber ja, ist das für soziales Netzwerke was Neues? Definitiv nicht.
Aber wenn’s einem selbst betrifft und man seinen Standpunkt gern näher erläutern würde als vorschnell von Vorwürfen überfahren zu werden, dann nervt es entgegen aller Vernunft.

Diese oberösterreichische Aktion (die man sich für ein paar Tage nach der Nationalratswahl aufgehoben hat) propagiert das alte Frauenbild „Mütter, bleibt daheim bei den Kindern“ und diskriminiert berufstätige Eltern. Eine Mutter aus Julbach könnte es besonders hart treffen. In einem offenen Brief an den Landeshauptmann schrieb sie kürzlich: „Ihre Kindergartengebühren sind für mich und meine Familie existenzbedrohend. Diese Gebühr kostet mich nämlich keine 50 oder 100 Euro. Sie kann mich meinen Job kosten.

Worum es vielleicht wirklich geht.
„Sie spricht damit an, was diese Gebühren aus meiner Sicht tatsächlich bewirken sollen – eine Schließung von (Nachmittags)gruppen und den damit verbundenen Personaleinsparungen, die wohl wertvoller sind als die 50 bis 150 Euro pro Nachmittagskind.
Denn anders kann ich mir persönlich die Idee nicht ganz erklären, warum nur die Nachmittagsbetreuung was kosten soll und jene am Vormittag kostenlos bleibt.

Dazu ein kurzes Rechenbeispiel: 
Der Kindergarten ist erst ab 13.00 Uhr kostenpflichtig. Das heißt, wenn ich mein Kind zwischen 7.00 und 13.00 Uhr betreuen lasse, zahle ich für wöchentlich 30 Stunden nicht.
Wenn ich es nachmittags immer erst um 14.00 Uhr holen kann, zahle ich für 35 Wochenstunden plötzlich 50 bis 150 Euro (je nach Einkommen).
Da ist doch bittesehr dem Land OÖ nicht die Betreuung an sich zu teuer, sondern nur die Nachmittagsbetreuung ein Dorn im Auge.
Oder versteh ich etwas falsch? Erklärt es mir doch bitte, liebe Regierung.

Und das geht raus speziell an alle Facebook-Trolle.
Lasst mich ein paar Dinge klar stellen:

Meine Güte, geht mir nicht ums Geld, das ich bezahlen muss.
Sorgt euch nicht, die kolportierten 70 bis 150 Euro im Monat werden wir uns leisten können. Wir werden deshalb nicht am Hungertuch nagen und eventuell können wir sogar trotzdem im Sommer nach Lignano fahren. Für uns persönlich ist ein kostenpflichtiger Kindergarten gar nicht mal so neu. Beim großen Kind haben wir auch bezahlt.

Ich erliege auch nicht dem Irrglauben, dass Betreuung per se gratis sei.
Die Kindergartenpädagogen (m/f), die Helfer (m/f) und alle anderen Mitarbeiter (m/f) in den Einrichtungen leisten wunderbare, wertvolle Arbeit. Wir Eltern vertrauen ihnen das Wertvollste an, das wir haben: unsere Kinder. Die fachlich und persönlich herausragende Arbeit, die unsere Kinder genießen ist nicht kostenlos – das ist wohl jedem klar. Wir haben aber das Glück, dass unser Staat für freien Zugang zu Bildung sorgt und oftmals auch Betreuung sorgt. In der Schule, beispielsweise, fällt Bildung und Betreuung zusammen. In meinen Augen ist auch der Kindergarten eine Bildungsstätte. Keine mit Prüfungen und Tests, aber eine enorm bereichernde für einen ganz jungen Menschen. Warum werden die Einrichtungen so unterschiedlich finanziert? Für die Krabbelstube zahlt man, für den Kindergarten nicht, Schule ist wieder kostenfrei, Uni auch (bis auf wenige, die nicht von der Studiengebühr befreit sind). Warum ist das so unterschiedlich?

Ich kann das Working Mum Bashing längst nicht mehr hören.
Ich liebe es Mutter zu sein und ich liebe meinen Beruf. Ja, man kann beides wollen. Warum sollte man seine Kinder weniger lieben, nur weil man auch gern arbeitet? Es gibt so viele verschiedene Lebensmodelle. Jeder lebt seines. Warum sollte eines richtiger sein als das andere?

Die Lösung ist sozial, aber deshalb noch lange nicht gerecht. 
Wir leben in einem Sozialstaat. Den finde ich großartig. Unsere System versucht es so gut es irgendwie geht, die Schwachen aufzufangen. Damit dieses System funktioniert, zahlen alle, denen’s besser für die, die Unterstützung brauchen. Im Umkehrschluss werden die Erwerbstätigen immer zur Kasse gebeten. Zusätzlich zu den Steuern, die sie jedes Monat abgeben. Das ist sehr sozial, aber lange nicht gerecht.
Und dabei denke ich jetzt nicht an die viel zitierte Alleinerziehende, die jeden Cent umdrehen muss. Echt nicht. Es gibt nur einen Unterschied zwischen sozial schwach und sozial schwach.

So, jetzt aber.
Mein Kind braucht mich. Ich veröffentliche das jetzt und hoffe einfach, dass ich mich richtig verständlich machen konnte.

 

 

 

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