Warum auf Kuchen verzichten, wenn wir gleich den ganzen Zucker verteufeln können?

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Heute Freunde zum Essen einzuladen, bringt mich als Gastgeberin oft ganz schön ins Schwitzen.
Ist da Zucker drin?
Ist das eh vegan?
Hast du auch stilles Mineralwasser da?
Danke, kein Brot für mich, von Gluten bekomme ich so unreine Haut.
Resigniert lasse ich bei solchen Fragen Luft aus der Nase, als müsste sich meine Verwunderung über den signifikanten Anstieg bei Intoleranten und Unverträglichen ein Ventil verschaffen. Ich will ja Zen-mäßiges Verständnis für die vielen selbst bestimmten und medizinisch indizierten Verbote aufbringen. Meist tue ich es auch. Ich lebe immerhin mit einem Menschen mit Zöliakie zusammen. Würde ich ihn lebensgefährlich verletzen wollen, bräuchte ich statt Zyankalie nur Brot und Nudeln kredenzen. Da sag noch einer ich hätte kein Verständnis.

Trotzdem. Warum ist Verzichten plötzlich nur so schick und hip geworden?
Und warum verzichten wir nicht nur auf ein Stück Kuchen, sondern verteufeln Zucker gleich generell?

Aufstand im Schlaraffenland. 

Uns ging’s vielleicht noch nie so gut wie heute. In vielerlei Hinsicht. Vor allem müssen wir keinen Hunger leiden. Echt nicht. Lebensmittel aus der Region türmen sich bei Bauern- und Supermärkten, dicht an dicht mit Angeboten aus aller Herren Ländern. Wir könnten Weinen aus Niederösterreich, der Steiermark, Frankreich, Kalifornien und China trinken. Wir haben kulinarisch alle Möglichkeiten und können uns das Meiste davon leisten. Aber just wenn sich bei diesem gigantischen All-you-can-eat-Buffet die Tische biegen, beginnen wir vieles davon nicht mehr haben zu wollen.

Aufmerksamkeit – geht es darum? Wer bei jeder Mahlzeit Extrawürste hat, rückt sich gleich mehrmals am Tag gut in den Mittelpunkt. Damit sagt die Person ganz deutlich: „Schaut mich an! Ich sage, ich darf keine Fruktose essen. In Wirklichkeit will ich, dass du zeigst, dass du mich magst. Kümmere dich darum, dass in diesem Dessert keine Fruktose ist. Damit zeigst du, dass dir etwas an mir liegt.“

„Es geht immer darum geliebt zu werden. Darauf lässt sich alles herunterbrechen.“

Lars Edinger

Aber was weiß ich schon? Ich lasse nur die Gedanke ein bisschen spielen.
Vielleicht geht’s auch darum, dass uns das Leben zu glatt geworden ist. Unsere Vorfahren, die Steinzeitmenschen, die riskierten für ein leckeres Steak noch ihr Leben. Wir müssen unseren Arsch nur in den Supermarkt bewegen. Es ist nicht einmal mehr notwendig für ein paar seltenen Früchte auf einen Baum zu klettern oder Pilze zu suchen – wir sind im Schlaraffenland.
Wo bleibt da die Rebellion?

Kein Alkohol ist ein bisschen Pussy Riot.

Kann doch nicht sein, dass einfach mal alles passt?
Auch wenn wir uns nichts mehr wünschen als das alles passt, wir in Frieden und Gerechtigkeit leben und uns keine Sorgen machen brauchen … die Rebellion juckt uns wie ein Trieb. Wir wollen, müssen einfach aufbegehren.
Selbst wenn alles pipifein ist, wir suchen einen Haken.
Ein Haar in der Suppe, sei’s noch so kurz.
Ach ja, Zucker macht uns total müde. 
Alkohol ist Gift und Selbstbetrug. Kohlenhydrate machen fett und antriebslos.
Voila, der Feind ist demaskiert, lasset die Rebellion beginnen.
Wir gehen nicht mehr nur ins Restaurant, wir ziehen in die Schlacht. Bombardieren den Kellner mit Fragen. Ist da wirklich kein Soja drin? Schwören Sie auf das Leben ihrer Mutter, ob das palmfettfrei ist?
Wir entsagen zuerst dem Zucker, später dem Palmfett und dem Alkohol. Menschen wie Susanne Kaloff machen es vor. Susanne beschloss vor mittlerweile 2 Jahren keinen Alkohol mehr zu trinken. Die Entscheidung hatte keine gesundheitlichen Gründe, kein Arzt hat ihr das geraten – es war Susannes eigenes Ding. Sie hätte es einfach dabei belassen können Mineralwasser statt Gin Tonic zu trinken. Sie wollte lieber noch ein Buch darüber schreiben. In „Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“ berichtet sie ausführlich, was das Nüchternbleiben mit ihr gemacht hat. Wie sich Beziehungen und Abende verändert haben. Welche Kommentare sie an den Kopf geworfen bekam und wahrscheinlich immer noch bekommt.

Nichts gegen Ja zu Nein zu Alkohol.

Auch für mich ist es erschreckend wie normal so ein „Bierchen“ und „Sektchen“ zu allerlei Anlässen ist. Ob Geburtstag, Taufe, Meeting, Date, Urlaub, Klassentreffen, Konferenz – Alkohol spielt fast immer eine Rolle. Selten bleibt’s bei einem Glas.

Wieder frage ich mich: Muss ich komplett auf Alkohol verzichten oder ist es möglich ein okayes Maß zu finden? Reicht es auf uns zu schauen oder müssen wir uns gleich total selbst optimieren?

Just sayin’.

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Ein Gedanke zu “Warum auf Kuchen verzichten, wenn wir gleich den ganzen Zucker verteufeln können?

  1. Ich denke der rechte Weg wäre der Weg der Mäßigung. Aber wie das schon klingt. Das will doch keiner haben. Es gibt die philosophische Anschauung des Roten und des schwarzen Pfades. Der rote Pfad ist der Pfad der Mitte. Der Pfad der Mäßigung. Der schwarze Pfad ist jeder Weg daran vorbei. So gesehen ist ein*e Antialkoholiker*in genauso auf dem schwarzen Pfad, wie jemand, der/die sich die Birne täglich zuschüttet.
    Nur ist es schwierig einen Weg der Mäßigung zum Beispiel bei Mehl – also Gluten – zu finden, wenn sich dieses so gut auch in Wurstwaren verstecken kann. Aber das ist eine andere Geschichte …. die der Gier – entweder nach so viel Profit als möglich oder nach so billig wie möglich.

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