Nicht-Rausch.

Unbezahlte Werbung, da Nennung von zwei Büchern und deren Autoren.

Einmal feiert Alice im Wunderland mit dem verrückten Hutmacher und dem Märzhasen ihren Nichtgeburtstag. Es kann durchaus schön sein, gerade etwas nicht zu haben oder nicht zu tun. Ich habe gerade täglich einen Nicht-Rausch.

Ich trinke zur Zeit nicht. Wasser und Kaffee schon, aber keinen Alkohol. Ein Zustand, den ich mir auf Dauer sehr öd vorstellt hatte. Weil es ja auch gar keinen Anlass gibt. Ich bin nicht schwanger, nehme kein Antibiotika und hab auch es gibt auch sonst keinen gesundheitlichen Grund. Die Sache ist nur … Alkohol ist ein fieses kleines Arschloch.

Feierabendbierchen.
Feierabendbier. Das klingt schön harmlos. Nach nur einem. Und nach Runterkommen.  Am Ende eines Tages mit etlichen ToDos und Terminen, mit Druck, Gegenwind und kaum Zeit für sich ist Alkohol der Freund, der dich abends in den Arm nimmt und sanft schuckelt.
Manchmal braucht der abgekämpfte Mensch ein zweites oder drittes Bier, um die Umarmung zu spüren. Feierabendbier ist ein dehnbarer Begriff. Er lässt sich auf drei oder alle Flaschen ausweiten, die danach noch folgen. Selbst das Wort Bier ist dehnbar. Ob Gerstensaft, ein Weinchen, Schnaps zur Verdauung, meine Güte. Wer beim Alkohol kleinlich ist, wird schnell zur Spaßbremse.
Irgendwann beginnst du dich nach diesem Freund zu sehnen. Du denkst schon am Nachmittag an seine wohlwollende Umarmung und wie sich ein angenehm wolkiges Gefühl in dir breit macht.
Du denkst überhaupt viel an ihn. Die Cocktailstunde wird zum Highlight des Tages.  Neben ihr verblasst die Attraktivität anderer Tätigkeiten. Du behauptest plötzlich, du hättest keine Zeit für Hobbys. Du hast nur einfach keinen Spaß daran. Lieber sitzt du mit einem Glas zusammen. Dann kommt der Tag, da hältst du die Sehnsucht nicht mehr aus. Du triffst dich schon Nachmittags mit deinem Freund. Mittags. Nach dem Frühstück. Dann zum Frühstück. Dein Freund ist dein Feind geworden. Du hast ein Problem. Du bist krank.
Du gibst es vielleicht nicht zu. Glaubst ernsthaft jeder Zeit mit dem Trinken aufhören zu können. Vielleicht schaffst du es sogar. Einen Tag lang. Dann ist der körperliche Entzug so hart, dass Alkohol wie eine Medizin wirkt. Danach säufst du mehr denn je. Als hättest du Verlustängste nach den paar Stunden Abstinenz.

Diese Geschichte gehört niemand bestimmten. In Wirklichkeit ganz vielen. Sie erzählt im Schnelldurchlauf was sich bei vielen über Jahre oder Jahrzehnte streckt. Nicht jeder wird von Feierabend Alkoholiker. Aber gerade Stresstrinken kann ausufernd werden. Weil der Stress vom Trinken natürlich nicht weniger wird. Es wird nur das Gefühl betäubt. In meiner Jugend hatte ich irgendwo einen Spruch notiert, der ging sinngemäß so: Wenn du Kummer in Alkohol ertränken willst, bedenke: Sorgen können schwimmen.

In meiner Herkunftsfamilie ist Alkohol ein falscher Freund, der ein und ausgeht.

Vielleicht hab ich deshalb für mich schon als junger Mensch Regeln für meinen Umgang mit Alkohol aufgestellt. Und aus jetzt verschärft.

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Wann wird Alkohol zu Alkoholismus?
Ich bin nicht vom Fach, aber wenn ich mir Menschen in der Umgebung anschaue, dann trinken fast alle Alkohol, aber wer ist Alkoholiker? Ich halte die Grenze zwischen mäßigem Trinken und Sucht für genauso fließend wie Wein, der aus einer Flasche rinnt. Sind es die Menschen auf den Parkbänken, mit den Tetrapakweinen und den Unterbergs, deren Gesichter rot und aufgeschwemmt sind? Sind es vielleicht auch die Manager und Mütter, mit funktionierenden Leben und Erfolgen, die aber bei Anlässen auffällig viel vertragen und immer einen Grund zum Feiern haben? Ist schon ein Glas Bier täglich zu viel oder ein Rausch jedes Wochenende?
Ich weiß es nicht. Ich bin kein Profi. Aber ich hab ein paar Thesen aufgestellt. Sie erheben keinen Anspruch auf Richtigkeit, aber gut möglich, dass an ihnen etwas dran ist.

1. Alkohol wird zum Problem, wenn ein Problem hat, damit aufzuhören.

2. Alkoholismus wird quer durch alle Millieus getrunken und missbraucht.

3. Der Grat zwischen viel Trinken und Alkoholmissbrauch ist schmal aber nicht exakt zu definieren.

4. Man wird Alkoholiker in dem man zu viel trinkt. Ganz einfach.
Man wird nicht als Alkoholiker geboren.

5. Alkoholismus ist eine Krankheit. Sie führt wie jede chronische Erkrankung zum Tod. Auch das Leben führt zum Tod – aber durchschnittlich 17 Jahre später.

6. Unsere Gesellschaft akzeptiert und feiert Alkohol als „Genussmittel“, ist aber beschämt von allen, die davon krank werden.

Nullkommanull.

„Alkohol tut nichts mehr für mich“ ist eine von Susanne Kalhofs Antworten darauf warum sie nichts mehr trinkt (aus ihrem Buch Nüchtern betrachtet). Ich mag diese Antwort. Alkohol ist nicht das Genussmittel, das gern hätten, dass er ist. Er ist ein Schwipsmittel, ein Lockerungsmittel, ein Rauschmittel, ein Betäubungsmittel. Schon in kleinen Dosen. Es ist angenehm sich zu betäuben, wenn einem vom Gedankenkarussell schon ganz schwindelig ist, man Aufmunterung oder Mut braucht. Manchmal trinkt man nur, weil alle trinken.

Aber Alkohol verändert nichts. Alkohol tut langfristig nichts für uns.

Ich hatte Angst mein Leben würde nüchtern saulangweilig werden. Im Gegenteil. Nüchtern sein ist auch eine Form von beschwipst. Ich fühle mich gut und „konstant“. Alkohol wirkt zuerst berauschend und nachher folgt der Absacker. Statt unterzuckert ist man unteralkoholisiert. Was sich wesentlich schlechter anfühlt als einfach durchgehend nüchtern zu sein. Die Gefühle fahren unter Alkohol mehr Achterbahn. Natürlich hab ich schlechte und gute Laune, fühl mich entspannt oder angespannt, bepisst oder leiwand — nur schlägt die Kurve nicht so aus.

Vielleicht ist das nur Zufall, Einbildung oder dem überlegenen Gefühl geschuldet, dass ich Nein zu Drinks sagen kann. Aber ich mag diesen Zustand gerade sehr und werde das mal so lassen, bis ich es mir anders überlege.

Wärmste Lesetipps für alle, die wissen wollen warum es sich auch für Nicht-Alkoholiker lohnt mit dem Trinken aufzuhören:
Nüchtern von Daniel Schreiber. Nüchtern betrachtet war’s betrunken nichts berauschend von Susanne Kaloff.

Nicht-Trinker auf Instagram: The Sober Glow und Holly von Hip Sobriety.

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