Wenn man von Reizen geflutet wird. Über Hochsensibilität.

Mein Kind macht Party. Kindergeburtstag. In 60 Minuten fahre ich das Kind wieder abholen. Bis dahin: Man bringe die Teelichter! Man fülle die Badewanne! Man gieße Prosecco ins Glas!
Ach nein, dafür fehlt mir ja das Tussi-Gen.
Ich würde ja gerne grübeln und Zeit mit meinen Gedanken verbringen. Aber dann schaut Tante Depressiv gleich wieder gierig aus ihrem Knusperhäuschen, den Backofen schon vorgeheizt.

Also schreibe ich.
Schreiben ist mein Schaumbad.

Schon lange schleiche ich um ein Thema, das mir nicht allzu leicht von der Feder geht. Weil ich gar nicht weiß, ob es das eigentlich gibt. Oder ob das nur jemand erfunden hat, um Bücher darüber zu schreiben, um Geld zu verdienen. Es geht um Hochsensibilität. Und hochsensible Menschen.
Als ich den Begriff zum erstem Mal hörte, dachte ich an „hochbegabt“ und schmeckte einen fahlen Beigeschmack beim Begriff „hochsensibel“. Dann setzte ich mich näher damit auseinander und verstand, was gemeint ist. Bei Hochsensiblen sind die Sinne superfein eingestellt. Reize wie Geräusche, Hitze, Kälte, Geschmack, Licht, etc. werden intensiver wahrgenommen und sozusagen schlechter verdaut. Recht schnell fühlen sich Menschen mit feinen Sinnen reizüberflutet. Entweder verlassen sie danach die Situation oder harren aus. Danach brauchen sie oft Stunden (oder länger), um sich wieder auf einem angenehmen Niveau einzupendeln. Welche Sinne bei welcher hochsensiblen Person besonders stark reagieren, ist unterschiedlich. Genauso wie die Dosis, die das Gift macht.

Wichtig ist auch: Hochsensibilität ist nicht mit Schüchternheit und/oder Introvertiertheit zu verwechseln. Eine Person kann alle Wesenszüge auf einmal aufweisen oder zwei davon oder nur eines. Hochsensible sind aber keinesfalls automatisch schüchtern, so wenig wie Schüchterne automatisch hochsensibel sind.
So. Ich hoffe, ich hab das halbwegs korrekt und kompakt wiedergegeben. Ich bin kein Hochsensibilitätsexperte. Ich red nur g’scheid. Wer mehr wissen möchte, googelt. Die Ergebnisse fallen nicht zu knapp aus.

Dreimal dürft ihr jetzt raten, wer bei jeder Beschreibung von Hochsensiblen innerlich krass nickte und dachte: Ja! Ja! Ja! Ich bin noch immer nicht ganz auf Du-und-Du mit dieser HSP-Sache, aber es ergibt plötzlich vieles Sinn.

Beispielsweise, dass ich ein Schreibbaby war.
Und ich lange keine Musik hören wollte. Weil sie genervt hat. Ich hatte früher nie Lieblingsbands und kein Lieblingslied.
Noch heute wünsche ich mir eine mp3 File namens Stille. Mit einer Laufzeit von 3 Stunden.

Ich bin wie eine 100-ml-Flasche in einer Welt voller 2-Liter-Flaschen. Ich bin schnell randvoll. Aber nicht mit Cola, sondern mit Eindrücken, Geräuschen, Gedanken, Gedöns. Was anderen beim einen Ohr rein und beim gegenüberliegenden wieder rausgeht, dreht sich bei mir wie in der Waschmaschine. Ich sauge alles auf wie ein Schwamm. Mein Hirn unterscheidet leider nicht zwischen wichtig und egal. Ein Gesichtsausdruck, eine schnelle Geste – ich theoretisiere lange über das, was andere wohl nicht einmal bemerken. Das macht meine Festplatte schnell voll. Und mich müde.

Warum ich das überhaupt aufs Tableau bringe? Weil ich es leid bin, dass unsere Gesellschaft Sensible diskriminiert. Die Lauten, die Schillernden, die Frechen, die Klassenclowns, … die stehen immer in der ersten Reihe. Die bekommen den Fame, die Aufmerksamkeit, die Jobs, die Anerkennung. Ganz anders die Leisen, die Vorsichtigen, die Reizüberfluteten. In unserer Welt ist es nicht förderlich Gefühle zu haben. Schon gar nicht so viele. Dabei hat die sensible Seite auch ihre Vorteile …

„I don’t know what it’s like to have deep feelings, even if I feel nothing, I feel it completely.“ A. R. Asher

Hochsensible kennen das, näh?

To be continued …

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