Wie ein gebrochener Arm. Nur eben kein Arm.

Ein gebrochener Arm ist blöd. Hatte ich als Volksschülerin mal. Speziell beim Anziehen war das mühsam und auch beim Schreiben. Meine Mama zog mich an und auch meine Puppen, die Freundinnen trugen meine Schultasche und ich schrieb vorübergehend mit der linken Hand.
Ein gebrochenes Herz ist noch viel blöder. Das hatte ich oft und es war das pure Drama. Das erste Mal fühlte sich an wie probesterben.
Aber als meine Seele ganz, ganz unglücklich über die Stufen fiel, war das eine sehr neue Erfahrung.

Im Nachhinein betrachtet, ist die Seele wohl ein Jahr lang oben auf der Treppe balanciert. Erst auf einem Bein, dann auf Zehenspitzen, später mit Handstand und am Schluss schon im Vollrausch auf einem Pony balancierend.
Ich habe schon gemerkt, dass etwas von mir mit dem Feuer spielt. Aber ich dachte, das würde schon wieder vergehen.

Es verging natürlich nicht.

Meine Seele trieb lange ein gefährliches Spiel. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie es anfing. Ich weil nur, dass nichts mehr so richtig Spaß machte. Ich war müde, kraftlos, fühlte mich gedrillt, gehetzt und permanent hinten nach. Mein Kopf war immer öfter Richtung Boden gerichtet. Ich wollte öfter allein sein. Ich habe glückliche Menschen nicht ertragen. Also ging ich ihnen aus dem Weg. Ich isolierte mich von anderen. Wenn ich doch mal ein Sozialleben führen musste, dann strengte mich das unendlich an. Kaum wieder allein, heulte ich oft stundenlang.
Im Grunde heulte ich morgens, sobald ich allein im Auto saß. Bis zur Autobahnabfahrt, damit die Tränen bis zum Büro wieder getrocknet waren.
Und dann diese Schlafstörungen. Ich schlief kauf noch. Und wenn, dann natürlich nicht durch. Oft schaffte ich nur 3 Stunden Schlaf pro Nacht.
Ich habe zwei Kinder großgezogen. Der Schlafentzug mit einem Säugling ist schon schlimm. Aber das ging noch viel mehr an die Substanz.

Dass ich eines Abends beim Arzt sitzen und schluchzend die weiße Flagge hissen würde, war nie der Plan. Gleichzeitig tat ich an diesem Tiefpunkt, das einzig richtige: Ich holte Hilfe.
Nur fühlte sich das in diesem Moment nicht so an. Ich war doch nur ein bisschen erschöpft, ein bisschen traurig, ein bisschen gar schlaflos. Plötzlich standen Worte wie Burnout und Depression im Raum.
Die Person, die ich zu sein glaubte, geriet ins Wanken. Ein Gefühl, das mir riesige Angst einjagte.

Die Diagnose: Anpassungsstörung, Depression.

Eine psychische Krankheit hat nichts mit Verrücktsein zu tun. Nichts mit Sensibilität oder Schwäche. Jeder kann Schnupfen bekommen. Jeder kann mit seiner Seele sehr, sehr unglücklich fallen.
Nach einem Schicksalsschlag. Nach einem verlorenen Job. Weil die Ansprüche zu hoch sind. Weil alles zu viel wird. Oder einfach, weil es eben so ist.

Eine seelische Erkrankung ist nach wie vor ein Stigma. Bestimmt hat sich in den letzten Jahren viel verändert, aber es reicht noch nicht. Zu groß ist die Angst, darüber offen zu reden. Aus Angst als labil abgestempelt zu werden und die herausfordernden Aufgaben nicht mehr zu bekommen. Hat man einmal Schwäche gezeigt – auch wenn es keine Schwäche ist, sondern normal und aufrichtig – hat man im Spiel der Kräftemesser verloren. Die Gesellschaft stellt die Harten, die Exaltierten, die Lauten und Überzeugten an die Spitze. Weil die Harten die Gesellschaft formen.

„Du gibst und gibst, darauf bist du stolz, doch dieses Geben ist wie faulendes Holz. In einem Haus welches dir lächelnd verspricht, dass es dich beschützt während es über dir zusammenbricht.“
aus „Gelernt“, Käptn Peng

Jetzt, fast ein Jahr später, fällt es mir noch immer schwer darüber zu reden. Und darüber die richtigen Worte zu finden. Aber ich tue es. Weil viel zu wenige darüber reden.

Aufwärts.

Zurück zu dem Abend beim Arzt.
Wir sprachen lange. Dann verließ ich die Praxis mit einem wankenden Selbstbild und diversen Rezepten. Tabletten, um schlafen zu können. Tropfen für Notfälle. Ein Antidepressivum.
Ich brauchte einige Tage, bis ich mich durchrang, mit dem stimmungsausgleichenden Mittel zu starten. Ich glaube, ich wollte nicht wahrhaben, dass ausgerechnet ich sowas brauche.

Es dauerte 3 lange Wochen, bis das Zeug Wirkung zeigte.
Aber dann.

Ich hatte vergessen wie es ist, glücklich zu sein. Plötzlich war ich es wieder. Es war total ungewohnt nach so langer Zeit… darum war alles überraschend intensiv. So als hätte ich 6 Monate keinen Zucker gegessen und nun biss ich in ein Punschkrapferl.

Eines noch: die Medikation war pipifax. Also wirklich wenig und dennoch war und ist die Wirkung riesig. Ich fühle mich in Situationen wohl, die ich lange gemieden hatte. Ich bin oft zutiefst und ehrlich glücklich.

Heute habe ich folgende Liedzeile gehört: „Die Zeit, in der du dich versteckst, bekommst du nicht zurück.“

Es ist wahr. Das Jahr, in dem ich mich zurückgezogen habe, ist weg. Doch ich habe 2019 aufgeholt. Ich habe verdeckte Emotionen ausgelebt, habe teilweise doppelt so intensiv gelebt. Ich muss mich wieder daran gewöhnen, die zu sein, die ich bin.

Es ist fantastisch.

5 Gedanken zu “Wie ein gebrochener Arm. Nur eben kein Arm.

  1. Toll, dass du darüber schreibst! Toll, dass du Hilfe geholt und angenommen hast! Und am tollsten, dass es dir jetzt wieder gut geht! *sei gedrückt*
    Liebe Grüße, Martina

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