Keiner will mehr Corona Stayathome-Tagebücher lesen.

Es ist doch immer dasselbe. Bei allen. Wir sind zuhause und tun, was man zuhause so tut. Needless to say, was das so sein kann. Wir kennen es. Aus den unzähligen Stayathome-Tagebüchern. Oder aus unserer Fantasie, die sich nicht mal aufwärmen muss, um sich da was vorzustellen.

Ostern.

Ostern war toll. Denn Umständen entsprechend, aber gut. Ich hab alles auf Video aufgenommen und es abends den Verwandten geschickt. Ich glaube sie waren glücklich, uns wieder einmal als ‚Bewegtbild‘ zu sehen. Ein bisschen gebräunter als vor vier Wochen, ein bisschen müder, ein bisschen anders. Hoffentlich nicht fremder.

Die Nachbarn bekommen Besuch.

Als ich heute vor die Türe ging, zum Laufen, da standen drei Familien versammelt. ‚Versammelt’ heißt, dass der Sicherheitsabstand unterschritten wurde. Erst war ich überrascht, dann ein wenig wütend und wütend bedeutet fast immer auch traurig. Ich hab meine Mama seit 5 Wochen nicht gesehen. Ich weiß, wie sehr sie uns vermisst. Und ich sie. Ich war dieses Wochenende so knapp zu ihr zu fahren, mein Auto drei Straßen weiter zu parken, damit mich mein Kennzeichen nicht verrät und mich zu ihr zu schleichen.

Ich hab’s mir schweren Herzens verkniffen. Ihre Enttäuschung am Telefon war zu hören. Ihre Tränen auch.

Und dann bekommen die Nachbarn Besuch. Reihenhaus an Reihenhaus leben wir hier – es ist wie eine große WG, so nahe ist das. Ob ich will oder nicht, ich weiß immer, was die anderen machen. Im Moment mehr denn je.

Das Gute sehen.

Bevor ich in ein Loch falle, strecke ich mir selbst die Hand hin.

Ich sage mir leise als das Gute vor, drücke meine Kinder, schätze mich glücklich wie gut wir es haben und vergesse fast, dass die Welt aus den Angeln ist.

Dann lese ich in der Hängematte folgendes Buch zu Ende: Das Jahr des magischen Denkens. Vielleicht nicht der beste Zeitpunkt ein Buch über den Verlust eines geliebten Menschens zu lesen, aber jeder Satz ist es das wert. Noch nie habe ich jemanden so kontrolliert, so distanziert und gleichzeitig so berührend und tiefgehend über den Tod und den Abschied denken hören. Ich ziehe den Hut vor Joan Didion.

4 Gedanken zu “Keiner will mehr Corona Stayathome-Tagebücher lesen.

  1. Oh, das mit den Nachbarn und dem Besuch hatten wir letzte Woche auch.
    Es war sogar noch schlimmer: Der Ü60- Teil des Mehrgenerationenhauses bekam Besuch Ü70, der dann mit im Haus verschwand.
    Ich hätte sie am liebsten alle gepackt und geschüttelt! *KlapperKlapper*
    Hrgh!

    Mich interessiert bei den Tagebüchern eigentlich nur, wer es überhaupt durchzieht und nicht schon wieder aufgegeben hat 😉

    Durchhalten müssen wir wohl noch etwas. Ich hoffe inständig, nicht mehr allzu lange.

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