Corona-Tagebuch: Persönlicher Mini-Lockdown

Kennt ihr das, wenn man glaubt, man hätte sich gerade mit einer Situation angefreundet und dann wird alles anders? Man hat die ganze Gefühls-Klaviatur von Ablehnen über Wut bis Annehmen der Situation gerade durch, dann löscht jemand 100 Seiten des abgeänderten Drehbuchs.

Hatschi.

Wie ist es eigentlich krank zu werden, „in Zeiten von“? Ich meine nicht Corona-krank, sondern so normal krank? Erkältung, Sommergrippe, die guten alten keinen Wehwehchen eben. So genau sind die Symptome ja nicht von dem Virus zu unterscheiden. Schon gar nicht für jene, die auf Panik geparkt sind.

Ein Kind, das nicht zu 100 % fit ist, hat Verbot in der Schule. Was heißt das für mich als Berufstätige? Ich hab plötzlich ein Kind am Arbeitsplatz. Aber wie sag ich‘s meinem Präsentationstermin?

Unter der Dusche macht mein Hirn Lösungs-Brainstorming: Eltern und Nachbarn fallen als Betreuung aus. Nicht auszumalen, wenn es dann doch was „Ernstes“ ist. Ins Büro kann ich sie schlecht mitnehmen. Aus denselben Gründen. Bleibt nur Homeoffice mit Kind. Und Termine via Zoom. An Pflegeurlaub dachte ich in meiner Not gar nicht. Verdammtes Pflichtbewusstsein.

Diesen Tag schafften wir mit YouTube und altem Duplo. Terminlich, alles gut gegangen. Und der Mann kam etwas früher nach Haus, um mich abzulösen. Aber dennoch. Kind und Job und Präsentationen aus dem Schlafzimmer … das ist Harakiri mit Anlauf. Einen Anlauf, den ich an Tag 3 stoppen wollte – denn da wollte ich sie wieder in die Schule geben. Der Schnupfen hatte sich verabschiedet. Das war mein Lichtblick.

Und das Karma so: Ätsch!

Die Schulen wurden überraschend eine Woche vor den Ferien wieder geschlossen. Vielleicht dachte sich das Krisenmanagement in unserem Bundesland als die Infektionszahlen wieder stiegen: „Na, irgendwas müss ma halt tun, sonst murrt das Volk. Schließen wir halt wieder die Schulen. Is eh scho wuascht“ Die Schulen tun keinem weh. Kosten nix. Sind nicht Part of the Wirtschaftsgame. Oder was genau ist der Gedanke? In einem Einkaufszentrum kommen mehr Leute zamm als in einem Klassenzimmer mit halber Mannschaft und offenen Fenstern. Aber … is scheinbar eh wuascht. Herr und Frau Oberösterreich*in nimmt stoisch hin und mokiert sich höchstens mit einem Facebook-Post, der nach 3 Stunden von der Masse an Unmutsäußerungen absorbiert wird und schlussendlich so viel bewirkt wie die Schulschließungen: nix.

Ich reg mich nimma auf.

… wäre gelogen. Ich reg mich innerlich und äußerlich so auf, dass ich krank werde. Ist jetzt gar nicht metaphorisch sondern sehr, sehr physisch. Halsweh aus der Hölle und dann noch ein seltsamer Geschmack im Mund. Fest der mitternächtlichen Meinung an Corona erkrankt zu sein, verbringe ich den Rest der Nacht wach auf der Couch. Ich schaue mir Interviews mit dem Landeshauptmann an und mein Hals schwillt noch mehr zu.

Am Wochenende davor waren wir baden gewesen. Zuerst im Freibad. Aber weil sich dort niemand um einen Mindestabstand scherte, fuhren wir zum See. Dort war’s noch enger. Auf der Wiese schafften wir einen Meter Abstand, aber im seichten Wasser und im Gastrobereich war es die Hölle. Als hätte es Corona nie gegeben. Wir bemühten uns nach Kräften vorsorglich zu sein. Eigenverantwortung und so. Ich schwor mir, das Baden diesen Sommer an einen einsamen Fluss zu verlegen. Tut mir leid für die Kinder, aber wir müssen akzeptieren, was ist.

Wir könnten uns beim Baden verkühlt haben. Wir könnten angesichts der Herausforderungen ein schwächelndes Immunsystem haben. Es könnte alles sein.

Testung

Ich habe noch nicht heraus gefunden warum es ‚Testung‘ heißt und nicht einfach Test. Testung, das ist wie ein künstlich aufgeplustertes Wort für einen recht unspektakulären Vorgang. Ein Test eben. Mund auf, Wattestäbchen dreht eine Runde, Mund zu, fertig. Es heißt ja auch nicht ‚Schwangerschaftstestung‘. Es heißt Schwangerschaftstest. Welchen ich aber heute nicht mache. Ich mache eine Testung auf Corona.

Ich sagte schon beim Anruf der Gesundheitsberatung: „Zu 99 % ist es Halsweh und eine einfache Erkältung…“ aber ehe ich ausreden konnte war ich bereits ein Verdachtsfall. Mit einem einzigen Symptom bist du schon nicht mehr koscha. Mir wurde aufgetragen das Haus bis zum Testergebnis nicht zu verlassen. Spoiler: das sollte ganze 4 Tage später sein. Plus jene Tage, die ich mit dem Schnupfenkind schon in Selbstquarantäne war, ergibt es 1 Woche persönlicher Mini-Lockdown. Daran können wir uns in Hinblick auf Herbst gewöhnen.

Am Montag Abend bekomm ich vom Amt endlich Entwarnung: „Frau F., Ihr Test ist negativ.“ Ich so: „Boah, ich freu mich.“ Die Dame am anderen Ende der Leitung: „Sie können jetzt wieder raus.“

Ich bin frei. Ich packe viele Stücke Kirschkuchen ein und spiele Lieferandi für ein paar, die ich sehr vermisst habe.

4 Gedanken zu “Corona-Tagebuch: Persönlicher Mini-Lockdown

  1. Na Bum!

    Als meine Kinder vor ein paar Wochen 2 Tage Fieber und Halsweh hatten und wir angerufen haben, hats nur geheißen „wenns übers Wochenende nicht besser wird, dann zum Hausarzt schauen“ 😀
    Wir sind jetzt seit dem echten Lockdown im „freiwilligen“ Lockdown… harte Zeit… vor Allem das Vermissen von Freunden und Verwandten. Wir versuchen das Beste draus zu machen und uns eine möglichst schöne Zeit zu machen – wir haben hald das Glück keine Verpflichtungen außer Haus zu haben, das machts einfach.

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    1. Liebe M.,
      ich finds sehr sehr löblich und eine Leistung von euch, dass ihr schon sooo lange auf den Kontakt zu Freunden und Verwandten verzichtet. Das Virus ist da und so richtig schützen tut jetzt nur der Abstand. Ich freu mich auf 2 Wochen Urlaub demnächst, dass zumindest mal die Arbeit-Arbeit wegfällt und wir so richtig Zeit haben.
      Liebe Grüße und bleibt gesund!

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  2. Liebe Leni, genau wegen diesem Beitrag liebe ich deinen Blog. Du schreibst nicht nur über die schönen Dinge des Lebens – nein – du verpackst den aktuell nicht allzu leichten Alltag in einen wunderbaren Text. Danke dafür!!! Ich schicke per Eilboten eine große Ladung Ausdauer, Kraft und Optimismus in deine Richtung.
    LG, Sonja

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    1. Liebe Sonja, hab Dank für deine sonnigen Worte und das Lob und den Eilboten 🥰

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