Was man tun kann, wenn man nichts tun kann.

Ich habe alles aufgeschrieben und anschließend wieder gelöscht. Ein ganzer Text über die Hiobsbotschaften des Sommers. Über den weggezogenen Boden unter meinen Füßen und wie der Halt wieder zurückkam.

Warum hab ich das Meiste wieder gelöscht? Weil ich im Moment wieder Boden unter den Füßen habe. Ich hab‘s geschafft mich aus dem Sumpf der Verlustangst rauszuziehen. Vorerst. Und ich will mich nicht dorthin zurückschreiben.

Ich möchte das Thema nicht mit mehr Schwere beladen, als es ohnehin mitbringt. Also ganz kurz und direkt: Meine Mama und eine Freundin haben im Sommer je eine Krebs-Diagnose erhalten. Bei meiner Mum sieht es leider nicht gut aus. Bei meiner Freundin wird alles gut gehen, das weiß ich.

Nicht auszudenken, wie’s den Betroffenen ging und geht. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich kann nicht aus ihrer Sicht erzählen, nur aus meiner. Auch wenn ich selbst gesund bin, hatte ich mit den Neuigkeiten stark zu kämpfen.

Was tut man, wenn man nichts tun kann?

Es gibt Dinge im Leben, die man nicht ändern kann. Das Annehmen dieser Dinge ist gar nicht so einfach. Ich schreibe auf, wie‘s bei mir war. Was geholfen hat. Und was ich lernen musste.

  • Trauer, Angst, Schock, Wut, Ohnmacht und all diese ersten Gefühle zulassen. Sie dürfen da sein und dürfen als Teil von uns akzeptiert werden. Die Heftigkeit flaut mit der Zeit ab. Wenn dir jemand in dieser Phase sagt, du sollst dich zusammenreißen oder an die Sache positiv sehen, hör nicht auf diese Person. Fürs Zuversicht-Gewinnen ist später noch genug Zeit.
  • Nach dem ersten Sturm wurde mir klar, dass es so nicht bleiben kann. Dass ICH so nicht bleiben kann. (So schlaflos, hoffnungslos, hilflos.) Ich wollte Oberwasser gewinnen. Also habe ich mich gefragt, was mir guttut und mir täglich etwas davon gegönnt. Ein Spaziergang allein, ein Buch und die Hängematte, eine Serie mitten am Nachmittag, in einen Zug setzen und fahren, … was auch immer. Ich habe grundsätzlich sehr wenig Zeit für mich selbst, aber ich habe mir diese Freiheiten einfach geschafft. In Wirklichkeit hat man immer mehr Zeit und Möglichkeiten, als man denkt.
  • Ich sehe die Krebserkrankung der beiden lieben Menschen als riesengroße Kacke. Aber auch als Chance irgendwas dabei zu lernen. Beispielsweise, dass es mir gelingen kann, mich noch besser abzugrenzen. Mitgefühl ist schön und wichtig, aber mir darf es gut gehen.
  • Ich habe mir besser überlegt, mit wem ich über diese Gefühle geredet habe und mit wem nicht. Denn mein Herz liegt auf der Zunge und ich habe keine Hemmungen, meine Gedanken laut auszusprechen. Viele Menschen wollen Probleme aber nicht hören. Die reden lieber über was Lustiges oder übers Wetter. Und das ist okay! Ich bin nicht mehr beleidigt, wenn nicht alle über was Ernstes reden wollen. Ich weiß, wer dazu bereit ist und mit wem ich lieber über Schönwetter rede.
  • Ich bin draufgekommen, dass Sport mir wunderbar hilft, Stress abzubauen. Aber meine Gedanken brauchen es langsamer. Ich hab’s lieben gelernt „denken zu gehen“. Wenn mein Herz besonders schwer ist, trage ich es auf den Linzer Pöstlingberg. Oben schauen wir dann gemeinsam auf die Stadt und auf unsere Lage. Wir wechseln die Perspektive und gewinnen Lufthoheit. Nachher ist uns jedesmal leichter.
  • Das sag ich jetzt nur euch, aber am Berg ist eine Kirche. Ich bin nicht sehr religiös, aber manchmal nutze ich diesen heiligen Ort. Ich stehe in der Kirche und lasse den Geruch, die Stille da drin und das laute Knarzen der Bänke, wenn sich jemand zum Beten niederlässt, auf mich wirken.
  • Bücher können flauschige Gefühle erzeugen und einem regelrecht umarmen, wenn man die richtigen findet. Es gibt einige, die haben’s auf wunderbare Weise geschafft, sich in mein Leben zu schreiben.
  • Wissen, dass es die Möglichkeit sich Hilfe zu holen.

Also dann. Mit diesen guten Tipps für eine gute Zeit entlasse ich auch in den Rest des Nationalfeiertages. Ich hoffe, auch geht’s gut und haltet immer schön Abstand.

Der Hausberg von Linz, mein Kraftplatz.

2 Gedanken zu “Was man tun kann, wenn man nichts tun kann.

  1. Liebe Leni, ich hab jetzt meinen Kommentar schon dreimal geschrieben und gelöscht – ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Deshalb einfach nur: alles Gute, liebe Grüße und fühl dich gedrückt

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Leni,
    was für ein unfassbar starker und kraftvoller Text!! Vielen Dank dafür!Deine Freundin und deine Mama können sich glücklich schätzen dich in ihrer Nähe zu haben.
    Was ich in diesem Jahr gelernt habe – nachdem ich zwei wichtige Menschen in meinem Leben verloren habe – der Boden unter meinen Füßen ist immer da. Er trägt mich – egal was gerade ist. Ich darf traurig sein und etwas später auch lachen dürfen. Und – ich sollte nicht wie wild um mich schlagen und strampel – da verliere ich die Sicht. Es ist besser – egal wie finster es um mich herum ist, egal, wieviele Hurricans gerade aufziehen – ich bleibe ruhig und gelassen. Nur dann kann ich meinem Kompass folgen.
    Ach, ich könnte noch viel mehr schreiben – vielleicht suche ich mein Briefpapier und schreibe dir.
    glg und einen schönen Tag – Sonja

    Gefällt 1 Person

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