Loco Tag 3-6


Liebes Tagebuch,

kennst du „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“? Ans Buch kann ich mich nur mehr dunkel erinnern, aber der Titel ist gut. War gut. Ist es immer noch.
Rocko Schamoni erzählte vom Alltag in der Warteschleife des Lebens. Lange, lange, bevor ein Lockdown so eine Warteschleife sein konnte.

Richtig bedeutungsschwer wird dieser Tagebucheintrag auch nicht werden. Die letzten Tage waren angenehm unaufgeregt. Meiner Mama geht es mit Corona bestens. Sie hat (noch immer) keine Symptome. Als ich ihr am Samstag die Einkäufe brachte, war sie geradezu euphorisch, dass es so gut läuft. Ich glaube, der kleine Sieg über Corona stimmt sie positiv auf die große Schlacht mit dem Krebs ab. (Wenn mich meine Freundin hören könnte, dass ich Kriegsretorik im Bezug auf Krebs benutze. Eieiei.) Im Dezember ist große OP. Quasi fast schon nächstes Jahr. Also kann’s nur gut werden.

Die übrige Zeit war ich für die Kinder da, für die Familie und besonders auch für mich. Ich war 12 Kilometer mit Matze und Tokio Hotel spazieren. Dabei bin ich in Gebiete vorgedrungen „where no woman has gone before“. Also andere bestimmt schon, nur ich nicht. Wir wohnen jetzt schon seit 14 Jahren hier, aber ich hatte noch nie Muße, Zeit und die Idee zu Fuß die weitere Umgebung zu erkunden. Ohne Plan und Google. Dabei ist es geradezu erleuchtend, was man hier so erlebt. Kürzlich bin ich einfach in die Richtung eines Sendemastens aufgebrochen, den man von hier schemenhaft erkennen kann. Erst beim zweiten Spaziergang erwischte ich den richtigen Weg dorthin. Und erst beim dritten Spaziergang ging ich rauf auf den Sendemast-Hügel, um zu sehen, was dahinter liegt. Kaum war ich über der Kuppe, erstreckte sich von mir, funkelnd im November-Spätnachmittags-Licht, meine Heimatstadt. Absoluter, schwerster, mega weil völlig unerwarteter, Boah-Moment.

Ich sah die Donau, die Innenstadt und bis in die Voralpen und nach Niederösterreich. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Schatz gefunden. Zugleich war ich seltsam berührt, dass ich jahrelang so dahinleben kann und gar nicht richtig weiß, was es rundherum zu entdecken gibt. Was Lockdowns mit einem machen, hat doch auch stellenweise etwas Gutes.

Der Lockdown macht noch etwas Seltsames mit mir: Er lässt mich häkeln.
Aber das erzähle ich dir ein anderes Mal, liebes Tagebuch. Ich muss wieder zu meiner Wolle.

Auf zu neuen Welten,
deine L.

Linz.
Haus am (Wolken)meer

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