Wie es wirklich ist … jemandem beim Umzug zu helfen. Ins Seniorenheim.

Ich starte mit einer Selbstkorrektur: Heute heißt das Senioren z e n t r u m, bitteschön. Nicht mehr Heim. Von Zeit zu Zeit werden manche Wörter faulig. Dann muss man sie aussortieren und durch neue ersetzen. „Heim“ ist so ein Wort. Das heißt jetzt „Zentrum“. Gemeint ist immer noch dasselbe. Alte, unterschiedlich gebrechliche Menschen wohnen in einer Art Krankenhaushotel mit 24h-Room-Service. Nur, dass nicht der Butler mit dem Mitternachtssnack kommt, wenn man klingelt, sondern der Pfleger mit einer Schlaftablette.

Vor zwei Tagen, es ist Ende März und hat überraschende, sommerliche 25 Grad, räumen wir (wir = 2 Erwachsene, 2 Kinder), die Wohnung der Schwiegermutter aus und bringen ihr altes Leben in die neue Wohnung. Sie übersiedelte volé vom Unfallkrankenhaus ins Seniorenzentrum. Noch einmal richtig nach Hause kommen, dorthin, wo sie 50 Jahre gelebt hatte, diesen Umweg wollte man sich sparen. Die Amtshandlung sieht das vor, dass die betroffene Seniorin fein aus dem Schneider ist und sich die Angehörigen um den Papierkram und das Möbelschleppen kümmern. 
Das haben wir gemacht. Wir haben ihr Leben eingepackt und damit das 30 Quadratmeter große Zimmer randvoll gefüllt, das wohl ihr letztes bleiben wird. Was dieser Schritt für den betroffenen Menschen bedeutet, kann man sich ausmalen. Aber es bleibt auf diesem Weg nicht viel Platz für Pathetisches. Es geht um Wohnung kündigen, ausräumen, aussortieren, Behörden informieren, Bescheide anfordern, Formulare abgeben, Gespräche führen, Covid-Schnelltests organisieren, schleppen, tragen, telefonieren, arbeiten, Kinder betreuen, funktionieren. Darauf wird man nicht vorbereitet. Das kommt einfach. Mitten im Osterurlaub. Mitten in dieser Pandemie.

Mit einem prall gefüllten VW-Bus mit Catering-Beklebung parken wir direkt vor dem Zentrum. Die Pflegerinnen haben sich wohl zuerst gefreut – wegen der Catering-Beklebung – aber dann sichtlich die Hände vor den Köpfen zusammengeschlagen. Als sie sehen, dass keine Brötchen im Wagen sind, aber stattdessen Holzregale, ein Vollholztisch (OMG, Brandschutzregeln!) und drölfdrillionen Sackerln mit Wolle, gestrickten Socken, gestrickten Topflappen, bestickten Eiern und noch alle möglichen Decken, Pölster und Vorhänge (OMG, noch immer gelten Brandschutzregeln!) 
Die tapferen Altenfachbetreuerinnen helfen uns dennoch, das alte Leben der Frau in die neue Wohnung zu verfrachten. Laut Covid-Verordnung dürfen max. 2 getestete, FFP2-bemaskte Menschen helfen. Der restliche Umzugstrupp wartet draußen. Wir haben versprochen, wir würden in den nächsten Tagen die Hälfte von dem Kram wieder abholen. Aber man müsse der Frau zugestehen, selbst alles durchzusehen. So viel Würde und Zeit muss sein.

Kurz vorm Schlafengehen kommen wir erschöpft nach Hause.
Am selben Tag erfahre ich, dass noch jemand umzieht. Und zwar meine Mutter auf die Palliativstation. Dazu bald mehr.

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