Palliativ Station

Immer wieder denke ich an diesen blöden Satz. Er ist ganz nicht blöd. Er ist nur … zu oft gehört, vielleicht. Dieser Satz lautet: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich frage mich in letzter Zeit oft, welche Satzhälfte angenehmer ist. Auf welcher Seite die Traurigkeit leichter auszuhalten ist. Bei einer plötzlichen Katastrophe oder einer, die sich zieht wie ein Kaugummi.

Meine Mama hat im Sommer 2020 die Diagnose Krebs erhalten. Die Heilungschance war von Anfang an eher mau. Dennoch taten die Ärzte so, als würde alles wieder gut werden. Meine Mama hörte nichts lieber. Wir Angehörigen hofften natürlich auch. 
Trotzdem bliebt die erhoffte Besserung aus. Es kamen nur Verschlechterungen. Immer wieder ein neues Schauferl vom Schrecken. 
Nicht aus heiterem Himmel. Im Prinzip hatten wir … oder ich … ich kann ja hier nur für mich sprechen, es von Tag 1 der Diagnose geahnt.

Dass sie heute immer noch da ist, das ist eh schon viel. Trotzdem. Es mildert die Traurigkeit nicht.

Seit einigen Wochen wird sie künstlich ernährt. Hat die Chemotherapie abgebrochen. Weil ihr Körper sie nicht mehr verträgt. Sie schläft fast den ganzen Tag. Natürlich können wir schlecht behaupten, das alles käme überraschend. Kommt es aber. Auf etwas vorbereitet zu sein, bedeutet nicht, dass man die Traurigkeit oder den Schock vorwegnehmen könnten. Dass man die Tränen im Vorfeld wegweinen könnte. Der Schrecken ohne Ende ist immun gegen das rationale Wissen. Er setzt sich über die Vernunft ganz einfach hinweg.

Als mir Papa diese Woche schrieb, dass Mama auf die Palliativstation verlegt werden würde, da war das für mich wie eine Katastrophe in der Katastrophe. Obwohl ich dieses Ende von Anfang an kannte, fühlte es sich zu früh und zu falsch an. Vor einigen Tagen habe ich sie dort besucht und sie versicherte mir, dass sie nochmal nach Hause kommt, bevor es hier zu Ende geht. Sie würde ganz bestimmt wieder zu Kräften kommen. Ich glaube ihr das sogar. Weil ich es glauben will. Weil der Schrecken noch kein Ende haben darf. Weil ich noch nicht so weit bin. Und sie ganz offensichtlich auch nicht.

Auf der Palliativstation ist übrigens vieles anders, als auf anderen Stationen. Mama wird umsorgt wie in einem Luxushotel. Sie hat jetzt ein Einzelzimmer und Krankenschwestern, die ganz auf sie eingehen. Es geht jetzt nicht mehr um Heilung, sondern um die Erhaltung der Lebensqualität.
Die Medikation ist so abgestimmt, dass Mama möglichst keine Beschwerden hat. Regelmäßig fragt sie jemand ganz nett, wie es ihr geht. Diese Fürsorge ist Liebe. Und Liebe ist die beste Medizin. Selbst, wenn sie eben nicht mehr heilen kann. Nur gut machen, was noch gut zu machen ist.

Ich hoffe, meiner Mama bleiben noch ein paar Wochen. Vielleicht sogar Monate. Vielleicht kann sie den Sommer noch riechen und ihre liebsten Freundinnen noch sehen und sprechen. Vielleicht kann sich das letzte Bild so für sich zurechtlegen, wie sie es gern haben will. 

Es tut mir leid. Ich kann gerade nicht so schreiben, weil schreiben normalerweise bei mir funktioniert. Da ist eine Mauer in mir. Etwas, dass einen Raum zumacht, den ich nicht betreten kann und nicht betreten will. Ich weiß nicht, was das ist. Aber das ist wohl auch eine andere Geschichte.

2 Gedanken zu “Palliativ Station

  1. Liebe Leni!
    In der letzten Woche hab ich immer wieder hier begonnen zu schreiben um es dann doch wieder zu löschen. Die richtigen Worte finde ich gerade nicht.
    Das mit dem Schrecken ist so eine Sache. Ich sehe ihn immer als so eine Art Tsunami. Manchmal wirft der Sturm seinen Schatten voraus, und man hat etwas Zeit und kann alles auf seinem Boot Sturmsicher machen – die Fenster und Türen verriegeln, alles wichtige in die Kajüte bringen und irgendwie fest schnüren. Manchmal taucht der Tsunami wie aus dem nichts auf – ohne Vorankündigung – einfach so – und du konntest dich nicht darauf vorbereiten. Und eigentlich ist es völlig egal wie der Sturm kommt, weil er so oder so kommt und eine Spur der Verwüstung hinter sich lässt. Wenn die Welle über dich zusammenbricht – gibt es nur eine Sache die du tun kannst – Ruhe bewahren – einatmen, ausatmen,… Vielleicht verlierst du den Halt, fällst über Bord und landest im tobenden Meer. Ruhe bewahren – einatmen, ausatmen,…
    Und eines ist auch ganz sicher – der Sturm wird vorbeiziehen und er wird weiterziehen, das Meer wird ruhiger und der Himmel wird wieder sichtbar. Du findest wieder Halt und schaust dich um – vieles hat sich verändert, vieles ist kaputt gegangen – aber nicht alles und du beginnst es zu reparieren. Nach einem Tsunami entsteht auch immer etwas neues. Das weiß ich zu 100%.
    Ich wünsche dir noch viele wunderbare Momente mit deiner Mama – Sonja

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