„Sie macht sich jetzt auf den Weg“ Meine Mama stirbt.

Warnung: In folgendem, sehr persönlichen, Text geht’s um Sterben und um Trauer.
Falls du selbst eine schwere Zeit hast, könnte dich dieser Text sehr belasten.
Bitte lies nur weiter, wenn du wirklich bereit dazu bist.


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Ich schreibe das auf. Vor allem, um es selbst nicht zu vergessen. Dabei weiß ich noch gar nicht, ob ich es nicht bald lieber vergessen würde. Oder ob es so ist, dass ich es vergessen werde – weil mein Hirn mich vor mir selbst beschützen will. Und dann würde ich es doch wissen wollen. Dafür schreibe ich es auf.

Ich fange beim letzten Kapitel an. Nach „langer schwer Krankheit“, wie es auf Partenzettel immer so unschön heißt, rieß bei meiner Mama letzten Freitag, das war der 4. Juni 2021, der Darm. Wir wissen das so genau, weil sein Inhalt, gemischt mit Blut, sich seinen Weg durch die OP-Narbe vom Jänner ins Freie suchte. Grausige Sache. Die Narbe war wohl in ihrem bescheidenen Zustand gar nicht mehr richtig verheilt. Mein Papa war allein mit ihr, als das passierte. Er wollte ihr gerade aus dem Bett helfen, weil sie an diesem Morgen dauernd das Gefühl hatte, zur Toilette zu müssen. Ich nehme an, da war der Darm innerlich nicht mehr heil gewesen. Meinen Papa trifft keine Schuld. Ich schreibe das, weiß ich weiß, dass sich Angehörige oft die Schuld an schlimmen Dingen geben. Sogar am Tod. Schuldgefühle mischen sich in die Trauer, egal ob was dran ist oder nicht. Meistens ist natürlich nichts dran.

Papa rief die Rettung. Die lieferten Mama ein. Papa schrieb mir vormittags, dass Mama ins Krankenhaus kommt und operiert wird (wurde sie aber nicht mehr, das war in ihrem Zustand nicht mehr möglich). Ich lief fortan wie auf rohen Eiern, versuchte aber, mein Leben weiterzuleben. Der Donnerstag davor war Fronleichnam, ein Feiertag. Wir hatten den Tag als Familie zusammen bei meinen Eltern verbracht. Wir lieferten Essen, etwas mit Curry, und aßen zusammen in der Küche im Haus meiner Eltern: mein Papa, mein Mann, unsere beiden Kinder und ich. Mama lag oben in ihrem Pflegebett. Später brachte ich ihr noch einen Löffel vom Curry mit ein paar Körnchen Reis. Sie meinte, es hätte Mittags so gut geduftet, sie würde auch probieren wollen. Sie aß bereits seit Monaten nichts Festes mehr. Sie aß gar nicht mehr. Sie wurde künstlich ernährt.
Wir waren dann draußen im Pool. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Mein Sohn mähte für Papa den Rasen. Wir tranken Kaffee und blieben recht lange. Es sollte der letzte gemeinsame Tag bei meinen Eltern zuhause werden.

Am Freitag, dem Tag des Darmdurchbruchs, war ich mit den Kindern zuhause. Sie hatten schulfrei, darum hatte Urlaub genommen. Es war heiß. Ungewöhnlich in diesem Frühsommer. Bis dahin hatte es den Frühling „durchaprilt“, also geregnet. Am Vormittag besorgten wir Schuhe für die Tochter. Sie wuchs aus allem innerhalb weniger Monate raus. Dem folgte ein Großeinkauf, weil wir für Samstag Gäste eingeladen hatten. Am Nachmittag wünschte sich das Kind einen Besuch im Freibad. Ich erfüllte den Wunsch. Mitten an diesem heißen Tag, mitten auf der sattgrünen Wiese zwischen den Sommermenschen in ausgebleichten Badehosen, mitten in diese Szenerie platzte ein verwirrte WhatsApp meiner Mutter. Gefolgt vom Anruf meines Vaters mit der ganzen Geschichte. Tränen tropften unter der Sonnenbrille heraus. Ich schwitze noch mehr, als ich schon schwitzte. Ich wollte ins Wasser. Doch schon beim Aufstehen war mir schwindelig. Ich setzte mich wieder hin. Wartete. Die Nachricht sickerte. Wie sie so sank, es muss eine Stunde gedauert haben, kamen Fragen auf. Ich wollte an diesem Abend mit Freundinnen was trinken gehen. Zum ersten Mal seit den Corona Maßnahmen. Ich wollte das Leben feiern. Jetzt klopfte der Tod an.

Wir fuhren heim, ich duschte und zog mich schön an. Meine Mama sollte mich hübsch in Erinnerung behalten, sollte dies unser Abschied sein. Auf der Palliativstation überfiel ich die Schwestern mit Fragen, wie lange uns Mama noch bliebe. Es kam keine eindeutig Antwort. Das war ich schon gewohnt. Seit der Krebsdiagnose am 14. Juli 2020 habe ich keine einzige klare Antwort gehört. Ich bin immer nur zwischen Sorge und Hoffnung hin- und hergekippt. Ich beschloss für mich, dass wir noch zwischen einem Tag und zwei Wochen haben würden. Mal sehen, wie es wirklich werden würde.
Dann ging ich zu Mama ins Zimmer und brachte ihr Schlapfen, Zahnbürste, Haarbürste, Duschgel, … , nach denen sie mich in ihrer Whatsapp gebeten hatte. Ein Frau, die nicht mehr aufstehen kann, verlangt nach Schuhen. Eine, die kaum Haare hat, möchte eine Bürste.
Alles so absurd. Aber so wichtig. Wichtig für sie.

Da lag sie. Geschwächt. In Scherben.
Sie wunderte sich laut, wann sie wohl mit der Behandlung anfangen würden. Aber dass sie froh sei, „dass alles heraußen ist“. (Damit meinte sie die aufgeplatzte Delle am Bauch.) Dann fing sie an, über Freundschaften zu sprechen. Sie fing an, abzuschließen. Ich glaube, es war der Samstag, da war eine Ärztin zusammen mit mir bei ihr. Sie fragte meine Mama nach ihrem Leben. Wo sie aufgewachsen ist, was sie beruflich gemacht hat, was sie in ihrer Freizeit macht, wie die letzten Wochen und Monate so waren. Mama wusste das Meiste noch. Ihren Film, der kurz vorm Schluss nochmal das ganze Leben im Schnelldurchlauf zeigt, sahen wir gemeinsam. Es war eine Doku und die Ärztin führte die Interviews.

Als wir wieder alleine waren, sagte Mama zu mir: „Es war so schön mit euch.“ (Gemeint hat sie unser Familienleben mit Papa, meinem Bruder und mir.)

Am Samstag und am Sonntag schlossen dann wir beide ab. Die Ärztin sagte, es wäre schön, wenn wir uns überlegen, was wir einander noch sagen wollten. Sie wusste wohl, dass das mit dem Sprechen und dem halbwegs klaren Geist ein Ablaufdatum hätte. Ich überlegte. Aber mir fielen nur zwei Dinge ein: Dass ich Mama für eine sehr starke Frau halte und dass ich sie lieb habe. Sie erwiderte, dass sie mich auch lieb hätte. Ich fragte sie, ob ich sie umarmen dürfte. Sie nickte. Ganz vorsichtig, wie Schmetterlinge nahmen wir uns in den Arm und sie streichelte mich. Fast nicht spürbar, weil sie die Kräfte verließen. Sie, so porös und zerbrechlich. Aber die Berührungen werden wohl in meinen Haut einsinken und für immer bleiben.

Ich hatte die Chance, ihr das Wichtigste noch zu sagen. Zwei Tage später erkannte sie mich nicht mehr.
Sie starrte mich ängstlich und fremd an, als ich ins Zimmer kam. „Ich bin’s, deine Tochter“, sagte ich. „Erkennst du mich?“, sie schüttelte den Kopf. „Du bist meine Mama“, versuchte ich ihre Erinnerung wachzukitzeln. Nichts. Satt zu weinen, sagte ich: „Macht nichts. Ruh dich erstmal aus.“ Dann schloss sie die Augen. Und ich weinte still am Stuhl neben ihrem Bett. Es ist der 9. Juni 2021.

Das ist einer der schwersten Wege, die ich je gegangen bin. Es zerreißt mich. Ich bin voller Trauer, mehr als ich mir zugestehen will. Ich bin voller Liebe und Dankbarkeit. Voller Verzweiflung und Kraft. Ich will abschließen und festhalten. Nichts passt zusammen. Der Alltag wird zu meinem Geländer, an dem ich mich festhalte, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Zur selben Zeit lässt mein Kopf mich im Stich. Ich vergesse in der selben Sekunde, was ich gerade gedacht habe oder tun wollte. Die letzten Tage sind wie Monate. Ich gehe jeden Tag in die Arbeit. Ich mache Besprechungen. Ich rede, machmal lache ich vielleicht auch. Ich funktioniere. Funktionieren hab ich als das Gegenteil von Selbstbestimmung oder Freude kennengelernt. Aber mehr ist gerade nicht zu erwarten.

Die Worte fließen jetzt aufs Papier. Endlich. Als wären jetzt die Schleusen offen.
Als wäre ich wirklich bereit, Abschied zu nehmen.

Ich schreibe diesen Text am Abend des 9. Juni. Ich weine Rotz und Wasser.
Am nächsten Morgen fühle ich mich etwas befreit. Ich atme tief durch, erledige das Übliche, versorge die Kinder und sitze um 8 Uhr am Schreibtisch im Büro.

Um 8.30 Uhr ruft mein Mann an. Seine Mutter, meine Schwiegermutter, war – nicht unerwartet – aber schlussendlich doch überraschend gestorben. Als ich mir unten im Büro einen Kaffee holen und mir damit beweisen will, dass ich ganz stark bin, lässt alles in mir aus. In jenem Moment, wo mich jemand in den Arm nimmt, beginne ich zu zittern und mir wird schwarz vor Augen.

Jemand meiner Kollegen erweist sich als Kriseninterventionsmensch.
Es stellt mich wieder her. Notdürftig.

Mein Mann kommt und wir fahren ins Krankenhaus, um uns zu verabschieden. Verabschieden. Es war mehr ein Nachrufen. Wie man es tut, wenn jemand schon halb zur Tür raus ist und man ruft noch etwas nach.
Ihr Gesicht ist schon kühl, rund um den Hals ist sie noch warm. Sie war vielleicht noch auf dem Weg von Da ins Dort. Ich rufe ihr nach, was ich nicht ungesagt lassen will. Küsse und streichle sie. Ich hab das Gefühl, sie ist noch in diesem Raum.
Sie haben meine Schwiegermutter in das Zimmer geschoben, wo die Spitalsmitarbeiter:innen dieser Station auf Corona getestet werden. Corona hatte sie nie. Sie ist trotzdem gestorben. Es ist ruhig und eng. Wir sind allein mit ihr und das Fenster ist offen. Ihre Seele kann jetzt da rausfliegen.

Wir verbringen den Tag halb klar, halb kilometerweit entfernt. Viele Leute werden angerufen. Die Kinder werden informiert. Die Sonne scheint grotesk und es ist heiß. Das Leben geht weiter. Es lässt dir gar keine andere Wahl.

Meine Mama stirbt am nächsten Tag. Am 11. Juni 2021. Um 15.05.
Ich habe sie 9. Juni zuletzt gesehen. Sie mich am 7. Juni.

„Mach’s gut, Mama.
Du bist nicht weg. Du bist jetzt überall.“




4 Gedanken zu “„Sie macht sich jetzt auf den Weg“ Meine Mama stirbt.

  1. Oh Leni, es tut mir so leid. Ich drück dich ganz fest.

    Der Teil mit „Es war so schön mit euch.“ ist so rührend und schön. Das klingt als ob deine Mama sehr dankbar für ihr Leben war und es genossen hat. *Tränen wegwisch*

    Ich wünsch dir ganz viel Kraft und viele liebe Menschen, die dich beim Verarbeiten unterstützen. Alles Liebe, Martina

    Gefällt 1 Person

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