Was ich gerade lese.

Wäre es nicht irgendwie schön, den Lockdown Rhythmus beizubehalten? Ein paar Monate alles dürfen: Pizza essen gehen, Freunde treffen, Hände schütteln, Urlaub fahren. Und dann wieder: einigeln, Pizzabote, Zoom, FaceTime und Bücher in der Hängematte. Aber nein! Ich nehm das L-Wort zurück. Lesen muss auch ohne sozialen Rückzug ein ToDo sein. Ein Must. Ein Want.

Ich habe in den letzten Monaten wieder viel Zeit zwischen zwei Buchdeckeln verbracht. Hier meine Empfehlungen.

Letzte Hilfe

Von Martin Prein.
Er war Busfahrer, bevor es ihn ins Bestattungsbusiness verschlug. Weil er dort so viel sah, das er besser machen wollte. Speziell im Umgang mit trauernden Angehörige. So studierte Dr. Martin Prein Psychologie und gründete das Institut für Thanatologie in Linz. Thanatologie musste ich selbst erstmal googlen. Es ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit Tod, Sterben und Bestattung beschäftigt. Interdisziplinär, weil philosophische, pflegewissenschaftliche, medizinische und viele weitere Sichtweise einfließen. Wo war ich hierhin abgebogen? Genau, beim Busfahren.
Der Mann mit dem ungewöhnlichen Lebenslauf bewarb sich also eines Tages bei einem Bestattungsinstitut. Viele Bekannte, so schreibt er, drehten sich daraufhin weg, wenn er sie auf der Straße traf. Der Beruf des Bestatters ist den Menschen unheimlich. So wie ihnen der Tod unheimlich ist.
In seiner Anleitung zur letzten Hilfe schreibt er über das Leichentabu. Unsere Scheu vor Toten. Der Irrtum vom Leichengift. (In jenem Zeitraum zwischen Eintritt des Todes und Bestattung ist an dem Körper nichts giftig! Wir können die verstorbene Oma unbeirrt zum Abschied auf die Wange küssen, wenn wir das möchten.)
Es schreibt über den Umgang mit Trauernden. Dass man sie sehr wohl anreden soll und nicht aus Angst, das Falsche zu sagen, ungewollt noch mehr im Stich lässt. (So wie’s durch den Tod eines Angehörigen schon geschehen ist.)

Ich habe das Buch in Voraussicht auf den nicht abzuwendenden Tod meiner Mama gelesen, und es war gut. Das Buch hat Fragen beantwortet und Ängste genommen, von denen ich nicht gewusst hätte, wen ich damit konfrontieren soll. Es ist ein einfühlsames, positives und wertvolles Buch.

Das Vierzehn-Tage-Date

Von Rene Freund.
Was passiert, wenn zwei nach einem missglückten Date nicht einfach Ciao sagen können, sondern 14 Tage weitermachen müssen? Weil der Pizzabote positiv getestet wurde und am Morgen danach eine Quarantäne-Bescheid ins Haus flattert. Das Vierzehn-Tage-Date ist eine kurzweilige, herzige, witzige und schnell gelesene Lockdown-Lovestory. Oder wie die männliche Hälfte des Vierzehn-Tage-Dates einmal sagt: „Ich hab kein Corona, ich hab Corinna.“
Ideal für einen Sonntag Nachmittag oder ein paar freie Stunden. Ich musste sie schon allein deshalb lesen, weil (der Landsmann) René Freund das Buch geschrieben hat. Wenn sein Name auf einem Buch steht, dann sind gute Unterhaltung und ein warmes Herz garantiert.

Noah – Von einem, der überlebte.

Von Takis Würger.
Eine Geschichte, wie so sonst nur in Filmen spielt. Und selbst da würde man ihre Glaubwürdigkeit mehr als einmal in Frage stellen. Noah hat drei Todesmärsche und vier Konzentrationslager überlebt. Auch der Rest seines Lebens war alles andere als beschaulich.
Das größte Leid hat Takis Würger ist einfachen kurzen Sätzen aufgelistet und nacherzählt. Das macht dieses Buch manchmal ganz schön hart. Aber man kann und darf es nicht weglegen.
Unbedingt lesen. Allein schon, um niemals zu vergessen.

Allein ist man weniger zusammen.

Von Paul Bokowski.
Oh, Paul Bokowski. Du großer Erzähler kurzer Geschichten. Jeder erweiterte Gedankengang ein kurzes Kabarett. Laute Lacher. Am liebsten Applaus. Vom Balkon, wenn du in der Nähe wärst. Ich mochte deine Schreibe auf Anhieb.

Du musst nicht von allen gemocht werden

Von Fumitake Koga und Ichiro Kishimi.
Ein Zwiegespräch zwischen einem Philosophen und einer Gegenstimme, in der Rolle eines jungen Mannes. Der Philosoph orientiert sich an den Ansichten von Alfred Adler (Begründer der Individualpsychologie) und diskutiert viele Sichtweisen mit dem jungen Mann durch. Man ertappt sich dabei, wie man mal auf der Seite des einen und dann auf er Seite des anderen steht. Ist es möglich, dass es kein Trauma gibt? Dass man immer selbst entscheiden kann, was man möchte und tut? Dass zwischenmenschliche Beziehungen die Wurzel allen psychischen Übels sind? Spannende Gedanken, denen man folgen sollte.

Über Menschen.

Von Juli Zeh. Ich habe Juli Zeh immer für eine deutsche Krimi-Autorin gehalten. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht verkaufen sie ihre Buchcovers unter Wert. Oder weil sie gehyped wurde und ich dachte: Deutsche lachen nur über Mario Barth und schauen sonntags Tatort. Lacher und Schocker.

Bin ich jetzt Rassist? Darum gehts auch in ihrem Buch. Um Black Lives Matter, Homosexuelle, Politik, das Dorfleben, Wiederbetätigung, Vorurteile und die tiefen Gräben zwischen Menschen. Um die Gehemmtheit, sich nach einem Verlust wieder lieben zu trauen. Und darum, was Gräben einfach überspringt: Freundschaft und Liebe.

Das Buch reißt viele Themen an, schwere Themen, und kann gar nicht bei allen in die Tiefe gehen. Es sind wunderschöne Sätze, Formulierungen und Gedankenstränge drinnen. Was fehlt, ist vielleicht die eine große Aussage, die es treffen will. Vielleicht will es das aber gar nicht. Sondern lieber viele kleine Gedankengänge im Kopf der Lesenden anwerfen. Und mit einem Fragezeichen sagen: Leute mit Springerstiefel und rasiertem Kopf sind auch nur Menschen.

Ich leide jetzt übrigens an Juli-Zeh-Liebe. Ein Leiden, das sich gut aushalten lässt.

2 Gedanken zu “Was ich gerade lese.

  1. Manche schauen sich wöchentlich die New York Times Bestseller-Liste an – Ich hab meine „IhrhabtmeinWort“ Leseempfehlungen – immer top und immer sehr inspirierend!!
    LG und schon mal einen schönen Start in ein neues Wochenende – Sonja

    Gefällt 1 Person

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