Weltschmerz

Als ich ein Kind war, gingen wir sonntags oft in die Kirche. Nicht, weil wir arg gläubig gewesen wären, sondern weil meiner Mama das wichtig war. Ich weiß noch, wie widerwillig ich viele Sonntag-Vormittage in diesen kalten, dunklen Gemäuern verbrachte. Von dem, was der Mann vorne predigte, verstand ich wenig. Die Lieder, die gesungen waren, gefielen mir nicht. Es durfte kein Mucks gemacht werden, woran sich die hustenden, räuspernden alten Männer aber nicht hielten. Abgesehen vom Abholen der Hostie (uh, etwas zu essen), gab es noch ein anderes Ritual, das mir gut in Erinnerung blieb: „Friede sei mit dir.“

Der Pfarrer fing mit dem ersten „Friede sei mit dir“ an, dann drehten sich alle zu ihren Banknachbarn links, rechts, vorne und hinten und wünschten einander ein „Friede sei mit dir.“

Mein Papa erklärte mir dann gern, wie schön es sei, dass wir in Frieden leben können. Ich war 6, 7, 8 oder 9 Jahre alt und ich kannte nichts anderes als Frieden. Es gab noch keine Smartphone, über das sich Bilder vom Krieg bis ins Kinderzimmer hätten durchschlagen können. Die Tageszeitung und Zeit im Bild interessierten mich wenig. Und mein Großvater sprach nicht über das, was er gesehen und erlebt hatte.

„Friede sei mit dir.“ war vor allem wegen Händeschütteln von Fremden aufregend gewesen. Und weil Papa dabei ein so ernstes und gleichzeitig warmes, freundliches Gesicht machte. In den letzten Tagen dachte ich oft an diese Momente in der Kirche.

Mir fehlen noch immer die Worte. Darum teile ich hier ein berührendes Video einer Werbeagentur in Kiew. Gemacht aus Sequenzen von Handyvideos und Originalgeräuschen aus Kiew. Bis zum 25. Februar 2022 sind auf dem Instagram Account von Banda schrille, bunte, schöne Werbesujets. Danach herrscht Krieg.


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